Schade, Horst!

Da schwelgt ganz Deutschland im Bardenfieber, man feiert sich und taumelt noch. Ganz Fernsehschland bekommt den Fokus nicht von einer 18jährigen, die nicht nur gerade Abitur gemacht hat, sondern auch einen Sänger- und Komponistenwettbewerb  in nördlichen Gefilden gewonnen hat. ARD, ZDF und auch PHOENIX werden kurzzeitig alle zu kleinen ProSiebens und mitten in der Krise (die ja nun wirklich seit zwei Jahren das Beständigste ist, was wir in Deutschland haben) sind wir endlich mal wieder wer!

Dürfen Fahnen schwingen. Stolz sein. Endlich mal wieder Patriotismus! Das brauchen wir doch so sehr. Man gönnt es uns doch sonst kaum.

Und dann kommst Du, Horst. Mitten im Freudenrausch. Kawuuum! Trommelfeuer, Paukenschlag. „Mit sofortiger Wirkung“. Völlig unerwartet. Rücktritt. Das ist sehr schade.

Vielleicht hast Du Dich sehr mißverständlich in jenem halsbrecherischem Interview geäußert. Aber ich glaube, Du hast nicht das sagen wollen, was man später hineininterpretiert hat. Klar, Du saßt im Flugzeug aus Afghanistan. Aber bitte: wer bei der Verteidigung wirtschaftlicher Interessen mit militärischen Mitteln zu erst an Afghanistan denkt, der vergisst wohl unsere Jungs, die ihre Runden über und im Golf von Aden drehen.

Warum? Weil sie die Seewege da sicher machen. Weil sie sich ganz klar für deutsche Wirtschaftsinteressen (und auch die anderer Länder) militärisch (!) einsetzen. Das ist so. Aber bitte, vielleicht gilt ja auch hier: Jeder versteht nur, was er verstehen will. Und so jubeln Dir zunächst die Falschen zu. Und immer mehr steigen in die Mißinterpretation ein. Und das geht so weit, bis Du hinwirfst. „Null Bock“ mehr hast, schreiben die Zeitungen. Das ist schade. Denn ich glaube, Du hast Dich mißverständlich ausgedrückt, ja. Aber andere wollten Dich auch einfach mißverstehen.

Einem Vollprofi, der seit Jahrzehnten Interviews gibt und immer an der vordersten Mikrofonfront kämpft, wäre das natürlich nicht passiert. Aber eigentlich war das gut, dass Du kein Vollblutpolitiker warst. Nicht geschliffene, abwägende und am besten aussagelose Sätze in Mikrofone und Köpfe getrichtert hast. Du hast es nicht gemocht, dass man als Bundespräsident eben doch „nur“ Mann des Wortes ist. Du wolltest anpacken. Und das hast Du auch gesagt. Und bedauert hast Du, wenn Du nicht so konntest, wie Du gerne wolltest. Das war sicherlich kein einfacher Job.

Aber ich finde, blaß geblieben bist Du trotzdem nicht. Du hast uns gut repräsentiert. Und Du hast auch zu Recht Schröder und Merkel auf die Finger geklopft.  ‚Das macht man nicht!‘, flüsterte es dann von überall. Keine Einmischung bitte. Also doch. Schon. Aber eben nicht so direkt. Und nicht so gemein.

Ich, lieber Horst, fand das gut. Ich fand Dich ehrlich. Es gut, dass wir Dich als Bundespräsidenten hatten. Du warst wirklich einmal einer, den man Präsident aller Deutschen nenenn konnte. Es war nicht nur Dir eine Ehre, unser Land zu vertreten. Es war auch mir eine Ehre, von Dir vertreten zu werden.

3 Antworten

  1. Horst Köhler war auch aus meiner Sicht ein relativ guter Bundespräsident. Rhetorisch zwar nicht der allerbeste, aber wenigstens integer und rechtschaffen. Der Rücktritt kam meines Erachtens völlig überraschend – und der Grund ist auch nicht unbedingt der solideste. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich vermute, dass da im Hintergrund irgendetwas gelaufen ist, das ich nicht weiter definieren kann!

  2. Hallo Jakob, ich erlaube mir, Dir zu widersprechen. 😉

    Für mich war Köhler der vielleicht blasseste Präsident der letzten 20, 30 Jahre. Und sein seltsam trotziges Hingeschmeisse vom Montag finde ich, ehrlich gesagt, unangemessen.

    Grade bin ich über den Artikel hier gestolpert, is ganz interessant und wirkt auf mich plausibel: http://carta.info/28337/die-ursache-nicht-der-anlass-fuer-den-ruecktritt-des-bundespraesidenten/

    Liebe Grüße!! Daniel

    • Ciao Daniel,
      ich denke auch, dass das Interview vielleicht nur der Auslöser war – und ich hoffe das ganz ehrlich auch. Trotz allem, und trotz aller Schwierigkeiten, die er mit dieser Reaktion ausgelöst hat, bedaure ich seinen Rücktritt.
      Denn ich mochte ihn, fand ihn nicht blass, sondern offen und unkonventionell. Aber das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung, und der darfst Du, so Dir danach ist, natürlich auch gern widersprechen.
      Schau’n wir mal, was jetzt auf uns zukommt.
      Die besten Grüße nach LE!

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