Alpstein, odrr?

Graue Wolken, kaum Sicht, der Regen peitscht von unten die felsige Wand hinauf und erwischt uns eiskalt. Die Regenhose ist zu Hause geblieben, das Regencover nicht über den Rucksack gespannt, die Gore klebt schon an der Haut, die Hände schreien „HANDSCHUH!“. Inzwischen ist die Hosen durch, der Stoff reibt voller Wasser auf den Beinen, weit ist es nicht mehr, aber auch 20 Minuten in solche m Wetter können zu lang sein.

Schließlich erreichen wir völlig durchnässt die Berghütte am Säntis. Ein längerer Aufenthalt war hier eigentlich gar nicht geplant. Aber das Wetter hat das Planungssagen übernommen. Ein Abstieg über den Kamm ist bei dem Wetter und so durchnässt nicht ohne Pause und Stärkung denkbar. Also bleiben wir.

Es ist bereits der zweite Tag für uns in der Schweiz, genauer gesagt im Alpstein, als wir auf der Königsetappe unseres 3-Tages-Treks vollkommen dei Wetterbreitseite abbekommen. Am Freitag Abend waren wir noch auf deutscher Seite in Friedrichshafen gelandet, hatte bei Sonnenuntergang den Bodensee gequert und waren dann mit Bähnli und Bus bis nach Appenzell gekommen.

Außerhalb von Appenzell hatte uns eine äußerst liebe Familie Obdach gewährt, auf deren Rasen wir eigentlich nur unser Zelt stellen wollte. Allerdings konnten wir dann den trockenen Gästekeller nicht ablehnen und wurden sehr lieb bewirtet. Am Samstag Morgen war es dann bei strahlendem Sonnenschein durch das Tal über Schwende nach Weissbad losgegangen. Bis zum Seealpsee wollten wir mindestens kommen. Keine Mörder-Etappe – eher Genußwandern, wie das ein oder andere Lifestyle-Magazin sagen würde. Gegen Mittag war das Wetter noch immer schön, Kaiserwetter traf zwar schon nicht mehr zu, aber die Sonne gewann überwiegend den Kampf gegen die am Himmel vorbeihuschenden Wolken.

Am Seealpsee machten wir dann auch eine ausführliche Pause. Ich testete meine EXPED Synmat auf ihre Schwimmtauglichkeit und musste feststellen, dass das zwar geht – man aber eben doch das eiskalte Wasser am Körper zu spüren bekommt.

Am Nachmittag stiegen wir noch weiter zur Meglisalp auf. Alpin ging es auf schmalen Wegen und an abschüssigen Kanten nach oben, bis wir in den letzten Sonnenstrahlen die Siedlung der Meglisalp, das Kirchlein und die Berghütte erblickten. Bei einem Ziegenbauern kauften wir noch Käse und an der Berghütte gönnten wir uns ein unverschämt teures Quöllfrisch Naturtrüb. Mit der untergehenden Sonne bauten wir zwei Hügel hinter der letzten Hütte unser Zelt auf und kochten uns das Abendessen. Eine Kuh schaute vorbei, zeigte aufdringliches Interesse an unserem Lager und verlor nach einer Weile aber den Spaß an uns, so dass wir die Nacht über Ruhe vor ihr hatten.

Am Sonntag brachen wir dann in aller Frühe zur Königsetappe auf. Der Himmel bedeckt, nur am Horizont der ein oder andere Sonnenstreifen und schon zu Beginn des Aufstiegs zum Rotsteinpass setzte immer wieder Regen ein. Durch sommerlich-bunte Bergwiesen arbeiteten wir uns in immer steinigeres Terrain nach oben auf. Auf dem Rotsteinpass suchten wir ein Weilchen Schutz vor einem etwas stärkeren Schauer, entschieden uns aber schon nach wenigen Minuten dann doch, den Liesengrat in Angriff zu nehmen.

„Da geht mer hi, wenn’d jemand loswernn willst….!“

Der Liesengrat ist sicherlich nichts für Menschen, die Höhe und steile Abhänge, Wege von weniger als Meterbreite schwierig oder unerträglich finden. Er ist steil, schmal, streckenweise ausgesetzt, mal nur mit Stahlseilen, mal mit Metallleitern versehen – und das alles in wunderbarer alpiner Gegend. Wenn da nicht irgendwann die Wolken und der Regen gewesen wären, die am Ende uns doch fast den Spaß verhagelten.

Der Abstieg vom Säntis begann so frostig-nass-windig, wie der Aufstieg aufgehört hatte. Binnen kürzesterZeit waren die Hosen wieder klitschnass auf der Haut zu spüren, auf Leitern und am eiskalten Stahlseil ging es mühsam nach unten, dabei immer den Regen, den der Wind ins Gesicht peitschte. Später, als die schwersten Abschnitte geschafft waren, beruhigte sich auch wieder das Wetter und ließ uns Sonnenschein und Sommerwetter in weiter Ferne am Bodensee erahnen.

Nachdem wir am Schäfler noch ein Bierchen genossen hatten, wollte wir uns in der kommenden Stunde ein Lagerplatz suchen und dem langen Tag ein Ende setzen. Erneut wurden wir eingeregnet –  die Hosen und die Jacken waren gerade wieder trocken, als es uns nun noch einmal verabschiedend erwischte.

Auf einer Kuhweide schon fast in der Talsohle setzten wir unser Zelt, kochten und fielen in den Schlafsack.

Und am Montag tat das Wetter wieder so, als wäre nichts gewesen. Kaiserwetter begleitete uns auf den letzten Kilometern von Schwende nach Appenzell,wir zufällig unsere Gastgeber vom ersten Abend wiedertrafen.

Zum Mittag blieben wir noch in Appenzell, bevor es mit Bähnli und Schiff zurück nach Friedrichshafen ging. Hier setzten wir uns auf den Rindenmulch eines überfüllten Campinplatzes, schliefen kurz und flogen am Dienstag zurück nach Bonn.

Das ist jetzt alles anderthalb Wochen her und war ein wunderbarer verlängerter Wochenendausflug. Ach und warum das Ganze? Naja, weil Blindbooking Spaß macht.

PS: Mehr Photos und Eindrücke gibt’s bei Flickr.

2 Antworten

  1. Hey Jakob! Du sprichst mir da aus dem Herzen. Dein Artikel könnte von mir geschrieben worden sein. “Da geht mer hi, wenn’d jemand loswernn willst….!”

    Den Lisengrat – und auch die meisten anderen Orte im Alpsteingebiet – haben wir vor Jahren jeweils mit meinem Zürcher Turnverein abgeklappert. Und die Gasthäuser natürlich auch…

    Am Lisengrat war das Wetter auch wie bei Euch, schändlich! Ich weiss nur soviel, dass ich mich am Drahtseil in die Leere lehnen musste, weil eine Familie mit zwei kleinen Kindern uns entgegen kam, in Turnschuhen! Sie passierten vor meinem Bauch durch. Im Nebel konnten wir zum Glück nicht ahnen, wieviele hundert Meter tief die Absturzstelle gewesen wäre…

    Auch deiner Begleiterin sei Respekt gezollt. Kennt ihr wohl nicht bei Euch in Bonn, solche ‚Appenzeller Berge‘. Die angehängten Supperfoto’s erinnern mich total an die schöne Gegend so rund um den Säntis herum.

    Grüessli us Züri, hat Euch doch gefallen, odrr?

    Hans

    (übrigens habe ich damals eine Woche später in der Zeitung gelesen, dass da beim Lisengrat tatsächlich einer abgestürzt sei, nicht das erste mal)

    • Hallo Hans,
      herzlichen Dank für Deinen Kommentar! Witzigerweise wohne ich derzeit in direkter Sichtweite vom Säntis – am anderen Ufer des Bodensees, darf mich also fast täglich seiner beeindruckenden Schönheit erfreuen. Ich hoffe, bald mal wieder im Appenzeller Land zu kraxeln!
      Beste Grüße über den See,
      Jakob!

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