Über die unerträgliche Freundlichkeit von Bahnmitarbeitern am Weihnachtsmorgen

Den ganzen Heiligen Abend über ist Schnee gefallen. Schnee in einer Masse, wie ich es eigentlich nur aus den verträumten Wintersportgebieten in den Alpen kenne. Verwehungen auf den Strassen. Die Strassen überhaupt nur noch weiß, so wie man es nur von Bildern aus dem fernen Lappland oder von den Fotos vom Weihnachtsurlaub in Island kennt. Wahnsinnig viel!

Nach Mitternachtsmesse waren wir mit Freunden traditionell einen Weihnachtsumtrunk nehmen. Bis in den frühen Morgen haben wir zusammen gesessen und trennten uns gegen 4. Die chaotische Wettersituation machte meinem Bruder und mir schnell den Plan kaputt, ein Taxi zu bekommen. Die Einzigen, die leise über den Leipzig Ring schleichen, sind voll besetzt, heben im Vorbeifahren die Schultern und verweisen darauf, dass sie voll sind.

Es ist 10 vor 5 als wir unsere erfolglose Taxisuche am Leipziger Hauptbahnhof einstellen und uns mit der Situation abfinden, nun doch auf den ersten Zug zu warten. 5.58 Uhr soll der eigentlich fahren. Aber auch, als wir um 5.58 Uhr bereits zu Eiszapfen am Gleis gefroren sind, lässt sich der Regionalexpress nicht blicken. Ein verirrter Bahnmitarbeiter auf dem Bahnsteig holt seine Informationen zum Zug auch nur von der Anzeigetafel, die am Bahnsteiganfang steht. Er soll offenkundig der Zugbegleiter im Zug werden, weiß aber nix. Durchsagen auf dem Bahnsteig: Fehlanzeige. Die Bahn zeigt mal wieder ihre Kommunikationstärken. Irgendwann, da sind schon mindestens 10 Minuten vergangen, wechselt die Anzeige: Zug kommt wenige (!) Minuten später. Aha. Hätten wir gar nicht bemerkt. Wir fürchten, dass „wenige Minuten später“ bereits die Vorstufe zu „bis zu 180 Min. Verspätung“ oder ähnlichen Dingen ist.

Auf dem Nachbargleis wird, ebenso bereits mit erheblicher Verspätung der zweite Zug in unsere Richtung bereitgestellt. Immerhin: Ein Zug, der beheizt ist. Wir geben die Hoffnung auf den Regionalexpress auf, wechseln das Gleis und setzen uns in den Zug, der nun eigentlich auch schon seit einer viertel Stunde aus dem Bahnhof geglitten sein sollte. Wir sind nicht die einzigen, die auf ihre morgendliche Heimfahrt warten und froh über ein paar mehr Informationen wären. Aber weder bei der Durchsagenbüro auf dem Bahnhof, noch in der Freundlichkeitsabteilung bei der Bahn scheint am 25.12. überhaupt irgendjemand Dienst zu schieben.

Ein junger Mann, der bereits seit einer Weile mit seinen Kumpels auf die Abfahrt des Zuges wartet, beschließt, den Fahrer unseres Triebwagenzuges zu fragen. Vom Bahnsteig aus war er bereits mit der Kommunikation mit dem Fahrer gescheitert, weil der auch keine Lust auf Auskünfte und nervige Bahnpassagiere hatte. Also versucht es der Informationssuchende nun von innen. Er marschiert an uns vorbei, klopft an die Fahrertür und versucht sich erneut in der Auskunftbeschaffung. Als sich der Fahrer ihm zuwendet nutzt er seine Chance: „Hioooor Meeener, sachemaa gehts noch irschendewann los oder was?“, schmettert er dem Fahrer seine Frage entgegen. „Setzsch widdor hin!!!“, faucht der Fahrer zurück, erbost darüber, dass ihn jemand um Auskunft bittet. Und der Informationssuchende scheint sich seiner etwas zu saloppen Nachfrage gewahr zu werden, und hakt einsichtig nach: „Neeee, eschtemaaaaa, sachemaaaa, worauf wartmer denne?“ Doch der Fahrer bleibt hartnäckig. Er hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, auf keinem Fall irgendjemanden irgendein Quäntchen Information zu geben. Und vielleicht auch erst recht nicht, wenn er wie der letzte Kneipenkumpel angesprochen wird. Dennoch, dass er Zugpersonal und die Passagiere wesentlich entspannter mit Informationen wären, scheint ihm auch egal zu sein und so gibt er nur knapp zurück: „Na offen Schnee oder woassss!“ Der Informationssuchende wirkt wenig befriedigt, erkennt aber, dass er mehr nicht mehr herausbekommen wird. Er wendet sich ab, grummelt eine Beschwerde über die Auskunftsfreudigkeit und Serviceorientierung des Fahrers und der Bahn vor sich her und sucht seinen Weg zu seinem Platz zurück.

Zwei Mädels versuchen es später noch einmal. Viel erfolgreicher sind sie nicht. Schließlich scheint der Fahrer eben wirklich nur Fahrer zu sein, und Umgang mit Fahrgästen scheint bei ihm nie Schulungsthema gewesen zu sein.

Kurz vor sieben erreichen wir, wie durch ein Wunder, unseren Heimatbahnhof. Wir haben es auch ohne Informationen geschafft. Und stapfen durch den Schnee nach Haus.

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