Lit.Cologne: 50 Jahre Amnesty – Feiern, Denken, Engagieren.

Es war ein unglaubliches Aufgebot an Prominenz, dass sich da gestern in der LanXess-Arena in Köln die Bücher in die Hände gab. Herbert Grönmeyer, Benno Führmann, Ulrich Matthes, Cordula Stratmann, Max Herre, Katja Riemann, Michael Lentz, Frank Schätzing, Charlotte Roche und Bastian Pastewka waren unter anderem zusammen gekommen, um aus den Büchern von verfolgten Schriftstellern aus der ganzen Welt zu lesen. Roger Willemsen führte kompetent durch den Abend, appellierte eindrucksvoll und überzeugend nicht nur an das Publikum, sich für Menschenrechte einzusetzen. Begleitet wurde die Gala zum 50. Geburtstag von Amnesty International musikalisch von Max Herre, Joy Denalane und der Band Klee.

Zugegeben, ich hatte meine Zweifel, als ich an der LanXess-Arena ankam und fragte mich schon, ob dies der richtige Ort für eine Literatur-Veranstaltung sein könne. Aber der Abend blies meine Zweifel hinweg und die eindrucksvollen Stimmen von Ulrich Matthes, Benno Führmann und Herbert Grönemeyer füllten ohne Weiteres die Halle mit Geschichten und Leben. Drei Stunden lasen die Schauspieler, Musiker und Autoren Texte aus Chile, Argentinien, Afghanistan, der Türkei, dem Libanon und Rumänien. Roger Willemsen selbst moderierte den Abend und unterstrich wortgewaltig die Bedeutung der Menschenrechte. Von ihm blieben mir zwei Anekdoten besonders im Kopf.

Und weil sie so eindrucksvoll waren,  möchte ich sie festhalten und hier noch einmal erzählen. Die erste der beiden Anektdoten galt der Arbeit für Kinder und dem Kinderschutz. Roger Willemsen hatte sie, wenn ich mich noch recht entsinne, von einem Mann in Afghanistan erzählt bekommen.

Auf dem Marktplatz in der Stadt war eine Rakete eingeschlagen. Noch kurz zuvor hatte reges Treiben zwischen den Obst- und Gemüseständen geherrscht, als die Explosion jäh den Alltag zerisse. Binnen kürzester Zeit lagen überall Leichen, schrien Menschen, zerfetzte Körper, Arme, Beine, Teile, die nicht mehr zuzuordnen waren. Doch schnell waren die ersten dabei, die Teile, die Überreste der Menschen einzusammeln, sie in Plastiktüten zu verfrachten um die Körper wenigsten vollzählig an Teilen bestatten zu können. Zum Großteil waren die, die da durch das Chaos rannten und Körperteile einsammelten Kinder, kleine Kinder, die die Überreste vom Boden lasen. Der Mann, geschockt von den Bildern und zutiefst traurig über das Leid und Elend hatte ich am Rande des Marktplatzes auf den Bordstein gesetzt und geweint. Eines der kleinen Kinder kam auf ihn zu und fragte ihn: Onkel, warum weinst Du? Doch der Mann antwortete nicht, unfähig sein Leiden in Worte zu kleiden. Und der kleine Junge meinte verständnisvoll: Achso, verstehe- für Dich ist es das erste Mal.

Mit einer weiteren Geschichte verdeutlichte Roger Willemsen, warum beim Kampf um Menschenrechte gerade die Öffentlichkeit so wichtig sei und wie bedeutend es dabei ist, nicht nur die Tatsachen zu kennen, sondern sie sich vorstellen zu können, damit man etwas dagegen unternimmt.

Ein Mann saß auf einer Brücke, vor sich ein Schild mit der Aufschrift „Bitte helfen Sie mir – ich bin blind“ und wartete darauf, dass die Menschen Münzen in seinen Hut warfen. Doch die Leute liefen vorbei und keiner nahm so recht Anteil an dem Blinden an der Seite. Nach einer ganzen Weile zog der Blinde einen der Passanten am Hosenbein und meinte zu ihm: „Hey, warum gibst Du mir nichts – ich bin blind, kann nicht arbeiten. Ich brauche Hilfe.“ Da meinte der Mann, den er am Hosenbein gezogen hatte: Das tut mir Leid. Ich bin Poet, ich habe auch kein Geld. Ich kann Dir keine Münzen geben. “ Einen Augenblick zögerte der Poet, dann meinte er: „Aber ich kann Dir etwas anderes geben.“ Er nahm dem Blinden das Schild aus der Hand, drehte es um und schrieb etwas darauf. Dann gab er dem Blinden das Schild wieder, der stellte es mit der neuen Aufschrift vor sich und schon warfen die ersten Menshen ihm Geld in seinen Hut. Verwunderte wandte er sich an den Poeten und fragte ihn. „Was hast Du darauf geschrieben?“ „Der Frühling kommt – aber ich werde ihn nicht sehen können!“, meinte der Dichter und verabschiedete sich.

Eine Geschichte, für deren Sentimentalität sich Willemsen schon zuvor augenzwinkernd entschuldigt hatte. Dennoch zeigt sie, denke ich, wie wichtig es ist, nicht nr die Fakten zu kennen, sondern Menschen Leid wirklich für sie begreifbar zu machen, damit sie helfen und sich engagieren.

Alles in allem eine gelungene Veranstaltung – große Stimmen, gute Musik und berührende Texte – mehr kann man von einem solchen Abend nicht erwarten.

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