Schlachtfest auf dem Land und neue chinesische Freunde

Hannas Kontakt in Kunming ist nicht gerade der (oder besser die) hilfreichste. Die Dame, die sie über ihr Forschungsprojekt  kennt, sollte ihr hier eigentlich den Einstieg erleichtern, Kontakte herstellen, Tipps geben, ein wenig unterstützen beim Start der Forschungen.

Schon beim ersten Treffen mit (wir nennen sie hier mal) Ling zeichnete sich ab, dass sie wenig zu erzählen hat – oder: wenig erzählen will. Die beiden trafen sich bei uns im Hostel und schon am Anfang mahnte Ling Hanna dazu, nur zu flüstern, damit niemand hören kann, worüber die beiden sprechen. Den Begriff „Urban Villages“ mied sie zunächst ganz, meinte später dann auch, dass es diese eigentlich gar nicht mehr gebe.

Kleiner Exkurs „Urban Villages“

„Urban Villages“ – das sind die kleinen Stadtviertel, die aus früheren Dörfern hervorgegangen sind, bzw. über die Zeit von den ausgreifenden Städten verschluckt wurden. Die Dorfbewohner, die zuvor dort wohnten, hatten auf ihren Flächen Wohnhäuser gebaut. Diese wuchsen jahrelang mehretagig nach oben, oft eng aneinandergedrängt, so dass keine Strassen durch diese Viertel führen, sondern nur Gassen. Meist sind diese sehr dunkel, es stinkt und der Müll liegt in den Ecken.

Peu à peu versucht man in China, diese „Urban Villages“ aus den Stadtbildern nun zu verdrängen – überall werden sie zurzeit abgerissen, und durch moderne Hochhäuser ersetzt. Sicherlich auch, weil diese ärmlich und schmutzig wirkenden Stadtteile einfach nicht mehr ins Bild passen. Den Erzählungen nach, die wir bisher gehört haben, werden die Besitzer dieser Wohnhäuser wohl recht gut entschädigt – die Bewohner der meist sehr kärglichen Wohnungen allerdings sind die Verlierer des Spiels. Sie müssen raus aus ihren Wohnungen, sich anderswo eine Bleibe suchen. Auf Hilfe können sie wohl kaum setzen. Entschädigung schon gar nicht. Wenn die neuen Häuser dann stehen, darf, wer es sich noch leisten kann, zurückkehren. Wer nicht, muss wohl vorerst schauen, wo er bleibt.

Zurück zu Ling

Auf jeden Fall hatte Ling beim ersten Treffen mit Hanna eine Einladung für Sonntag zu einem Ausflug aufs Land in Aussicht gestellt. Näheres wollte sie später via Mail mitteilen. So rückte der Samstag abend heran, und wir hatten immer noch keine Mail von Ling erhalten. Gegen 9 Uhr abends rief Hanna sie dann an. Sie sei noch nicht zu Hause und würde später eine Mail schicken, ließ sie uns wissen. Aber auch am Sonntag morgen war noch keine Mail eingetroffen. Wir hatten uns deshalb bereits einen Alternativplan gebastelt, und schon den Eindruck, dass wir uns auf Ling nicht unbedingt verlassen sollten. Schon die Mails bevor wir aus Deutschland hergekommen waren, waren nur spärlich und häufig vor allem spät beantwortet worden.

Schlachtfest auf dem Land

Um halb Zehn klopfte es dann an unserer Zimmertür und eine aufgewühlte Ling stand vor unsere Tür. Wir noch in Schlafsachen, mahnte sie uns zur Eile. „Come come quick quick – please – we are standing where parking is not allowed.“, drängte sie uns. Sie habe uns doch eine Mail geschrieben und gesagt, dass wir uns gegen Neun treffen würden. Angekommen war allerdings nicht. Und für uns bleibt nach wie vor rätselhaft, wo der Fehler im System lag.

Wir sparten uns die Dusche und sprangen aus dem Hostel mit Ling zum Auto ihres Mannes, der bereits auf uns wartete. In einem Skoda Octavia rollten wir dann 40 Kilometer raus aus der 6-Millionen-Metropole hinaus aufs Land. Hier waren wir zu einem Schlachtfest anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes eingeladen. Ein ehemaliger Mitschüler von Ling hatte das Fest organisiert – eingeladen, waren Freunde, Familie und das ganze Dorf. Das sei Brauch um diese Zeit, erklärte uns Patrick, ein Gast, später.So komme es auch, dass solche Feste alle Nasen lang stattfänden, weil jede Familie eigentlich zu solch einem Fest einlädt – immer das ganze Dorf, mindestens. Angereist ins alte Heimatdorf waren also nicht nur Hanna, ich, Ling und ihr Mann, sondern auch eine Menge neureicher Chinesen, die mit ihren dicken Autos nun die schmalen und schlammigen Dorfstrassen zuparkten. Alles „successfull business men“, erklärte uns Ling. Sonst erklärte sie uns nicht viel. Auch auf der Autofahrt beantwortete sie Fragen eigentlich gar nicht, oder so nichtssagend, dass man damit auch nichts anfangen konnte. Häufig wiederholte sie bloß, was man bereits als Erklärung zur Hilfestellung angeboten hatte, und damit mussten wir uns zufrieden geben. Äußerst seltsam empfanden wir das, soll Ling doch schließlich Sozialforscherin sein. Aber entweder stimmt da irgendwas nicht, oder sie versteht das anders, als wir.

Auf dem Schlachtfest trafen wir aber glücklicherweise ein zwei sehr freundliche uns auskunftsfreudige Chinesen. Patrick ist im Import-Export-Business (Schau an?!) und verkauft Maschinenparts nach Europa, vorwiegend nach Schweden. Er erklärte uns das Fest und den Brauch rund um diese Neujahrs-Traditionen. John schickte uns später schon zahlreiche Fotos und mit ihm werden wir uns sicher noch einmal hier in der Stadt treffen. Achja, falls sich jemand über die englisch klingenden Namen wundert: Weltgewandte Chinesen (und solche die so wirken wollen) stellen sich gern Europäern und Amerikanern gegenüber mit ihrem übersetzten Namen vor. Das mag seltsam wirken, hilft aber ungemein, denn mir fällt es beispielsweise superschwer, mir die chinesischen Namen zu merken, von Menschen, die wir treffen. Und so kommen Menschen wie ich nicht in die Bredouille, sie einfach gar nicht mehr mit Namen ansprechen zu können.

Auf dem Schlachtfest gab es ne Menge spezieller Dinge und zwischendurch bedauerte ich auch, dass ich mich nicht gleich als Vegetarier vorgestellt hatte. Zum Glück gab es aber auch ein wenig (sehr wenig) Gemüse, an dem sich Hanna und ich dann hauptsächlich festkrallten, um einen Bogen um Innereien, Leber und undefinierbare Schweineteile zu machen.

Nach einem kurzen Besuch auf einem weiteren Hof, auf dem alle Türen allen Bewohnern und Gästen offenstanden, ging es am Nachmittag bereits zurück nach Kunming. Ling drängte uns, dass wir unser Hostel verlassen sollten und in ein von ihr vorgeschlagenes Hotel ziehen sollten, weil sie unser Hostel suspekt findet. Warum wollte sie uns nicht sagen – „noisy“ ist die einzige Begründung, die sie anführte. Aber das empfinden wir gar nicht so.

Eine Einladung zum Neujahrsfest

Dennoch machten wir uns dann gestern auf den Weg, uns mit Fang zu treffen. Sie ist eine Freundin von Ling und sollte uns das Hotel zeigen. Und wir legten unseren Ausflug so, dass wir uns mit ihr treffen konnten und sie uns gleichzeitig das Hotel zeigen konnte. Da wir aber schon auf der Karte gesehen hatten, dass das vorgeschlagene Hotel am Rande liegt, hatten wir eigentlich innerlich uns sowieso schon dagegen entschieden. Aber das Treffen mit Fang war uns wichtig, um weitere Chinesen kennenzulernen, die Hanna vielleicht bei ihrem Projekt helfen könnten. Fang stellte sich dann auch als ein Glücksfall heraus. Sie ist gerade zu Hause, weil sie eine einjährige Tochter hat, und lud uns sofort erstmal zu sich in die Wohnung ein. Spannend war, dass wir nun eindlich mal das Interieur eines dieser vergitterten Wohnblocks zu sehen bekamen, und so wurden wir auch von der Größe der Wohnung überrascht. Über drei Zimmer verfügt Fang mit ihrer kleinen Familie, ein etwas rudimentäres Bad und eine offene Küche, die ins Wohnzimmer übergeht. Ihre Eltern waren gerade zu Besuch, um ihr mit ihrer kleinen Tochter unter die Arme zu greifen, und weil es momentan recht kalt hier ist, liefen auch alle mit dicken Jacken herum.

Fang gab uns dann eine kleine Tour durch ihre nähere Umgebung. Dabei erzählte sie uns von ihrer Arbeit beim WWF, die sie bis zur Babypause gemacht hatte. Außerdem führte sie uns ins nächstgelegene „Urban Village“ und erzählte uns, wie die Erneuerungen dieser Areale ablaufen. Von ihr erfuhren wir dann auch, dass es für die Bewohner keine Entschädigungen gäbe und nur die Hausbesitzer die Gewinner seien. Fang redete draußen ganz unbefangen darüber, so dass uns Lings Flüstereien im Hostel gleich noch viel seltsamer vorkamen. Sie zeigte uns die Uni, an der gerade die Erstsemester unter Aufsicht von Soldaten in Reih‘ und Glied stramm Stehen üben mussten und später zeigte sie uns das „Hotel“, in welches wir doch umziehen sollten. Es handelte sich dabei um ein ehemaliges Gästehaus der Uni, wirkte recht verlassen, wenngleich die Zimmer aufgeräumt und sauber wirkten. Dennoch, um uns die Zimmer zu zeigen, musste jemand herbei telefoniert werden, außer uns hätte dort wohl keiner übernachtet und die „Rezeption“ war auch mit einer dicken Staubschicht überzogen. Wir entschieden uns dann auch gegen das Geisterhotel und verabschiedeten uns später von Fang. Sie lud uns noch zum Familienfest an Chinesisch Neujahr ein, was wir dankend annahmen. So haben wir jetzt auch schon einen Termin für den 23. Januar. Fangs Pläne sind für die Zukunft wohl, auch zu promovieren. Und so bot Hanna ihr an, ihr hier und da vielleicht auch helfen zu können, da Fang gern bei einem deutschen Professor unterkommen würde.

Nach unserem sehr erquicklichen und informativen Treffen mit Fang fuhren wir wieder ins Zentrum zurück und begaben uns auf Alternativ-Hostelsuche. Unser Problem ist nämlich, dass wir zwar gern in unserem Bisherigen bleiben würden, wir hier aber noch vier bis fünf Mal das Zimmer wechseln müssten, weil sie es angeblich einfach nicht besser in den Buchungsplan bekommen. Also schauten wir uns am Abend vier Alternativen an und entschieden, dass wir zu meinem Geburtstag wechseln würden. Morgen müssen wir so oder so aus unserem jetzigen Hostel ausziehen, was wir zum Anlass nehmen werden, einen zweitägigen Ausflug in die Region zu unternehmen. So werden wir also in den nächsten Tagen mal ein wenig Land rund um Kunming kennenlernen, was sicherlich ein willkommenes Kontrastprogramm zur Millionenmetropole sein wird. Insofern kommt der Hostelwechsel ganz gelegen.

Fotos, falls übermittelt: Leben im Urban Village, Beim Schlachtfest auf dem Dorf, Bauboom in Kunming

PS: Es scheint, als würde Mailblogging zum Normalfall werden. Bei wordpress komme ich beim besten Willen nicht rein. Unter dem VPN ist es noch lahmer als normal schon.

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