Yuanyang – ein Ausflug zu den Terrassen voller Wasser

Feels like sunday

Die meisten Läden sind geschlossen, die Eingänge vergittert oder mit Metalltoren geschlossen und nur wenige Menschen sind auf der Straße zu sehen. Der Verkehr ist auch ruhiger als sonst, aber die Sonne scheint frühlingshaft warm und ich bin den ersten Tag mit kurzen Hosen unterwegs. Nach einer Weile finden wir endlich ein Café zum Frühstücken. Wir wussten, heute würde es nicht einfach werden, ein Frühstück irgendwo zu finden, denn es ist Chinesisch Neujahr – und das fühlt sich zunächst in der Stadt erstmal an wie ein Sonntag in Deutschland. Die Strassen leer, nur wenige Menschen unterwegs, der übliche Verkehr und die Menschenmassen – nicht da. Im Grunde genommen: sehr angenehm. Nebenbei sind (nahezu) alle Geschäfte, Restaurants und Cafés geschlossen – also eigentlich ist es noch ruhiger als ein Sonntag in Deutschland. Heute Abend wird sich das sicherlich ändern, denn in den letzten Tagen wurden an den Straßen Böller und Feuerwerkskörper in großen Mengen verkauft, oft und gern Pyrotechnik in Größen, an die sich wohl in Deutschland nur ausgebildete Pyrotechniker trauen würden – und diese Raketen und Feuerwerksbatterien warten schon darauf, heute Abend und in der Nacht in einem kolossalen Milliarden-Feuerwerk das neue chinesische Jahr begrüßen zu dürfen. Schon in den vergangenen Tagen hatten Kinder überall herumgeböllert und in kleinen Straßen roch es schon immer nach Schwarzpulver. Abends waren auch vereinzelt schon Feuerwerke zu beobachten – aber so richtig losgehen, wird und soll es erst heute Nacht. Und dann, so hören wir Menschen erzählen, die es schon erlebt haben, gibt es kein halten mehr. Und das gilt wohl für die ganze kommende Woche. Also sollten wir die Ruhe jetzt noch genießen – denn es ist wahrscheinlich das letzte Bißchen Ruhe, bevor wir wieder in den Flieger nach Deutschland steigen.
Wir selbst werden Chinesisch Neujahr heute Abend mit einigen aus der hier lebenden Ausländer-Community verbringen. Fang, unsere chinesische Freundin, die uns anfänglich eingeladen hatte, musste uns leider absagen, weil ihre Mutter ins Krankenhaus gekommen ist und sie sich um sie kümmern muss. Das ist schade, weil wir so das original Chinesisch Neujahr wie es die Chinesen feiern, nicht sehen werden. Aber wir sind froh, die zweite Einladung von Sandra und Co. zu haben, so dass wir gemeinsam mit anderen feiern können.
Es ist für uns jetzt das zweite Mal Neujahr feiern binnen 22 Tagen – vor gut drei Wochen haben wir auf Gran Canaria auf einer Dachterrasse gestanden und das Jahr 2012 begrüßt – jetzt machen wir das ganz noch einmal in China – verrückt, aber irgendwie cool.

Zu den Reisterrassen von Yuanyang

Gestern am späten Nachmittag sind wir von unserem spontan veränderten Trip zurückgekommen. Am Mittwoch hatten wir ja eigentlich einen zweitägigen Ausflug auf eine Biofarm in den Westhills geplant (Haobao) – aber nachdem wir dort angekommen waren und feststellten, dass es dort nicht schön ist, machten wir mehr oder weniger auf der Stelle kehrt und fuhren mit dem nächsten Bus die zwei Stunden zurück nach Kunming. Allerdings wollten wir uns jetzt nicht ganz geschlagen geben und stiegen in ein nächstes Taxi und ließen uns zur South Bus Station vor den Toren der Stadt chauffieren. 35 Kilometer später und einmal auf der anderen Seite der Stadt angekommen, hatten wir den Plan, nach einem Bus zu schauen, der uns vielleicht nach Yuanyang bringen könnte – das liegt weiter im Süden in Richtung Vietnam und ist eine Bergregion, die vor allem für ihre beeindruckenden Reisterassen an steilen Berghängen bekannt ist. Die Busse aus der Stadt waren allen voll – was uns nicht wunderte, weil wir ja wussten, dass zu Chinesisch Neujahr alle die Städte verlassen und ihre Familien auf dem Land besuchen. Also gab es auch für uns zunächst kein Ticket mehr nach Yuanyang direkt. Stattdessen buchten wir ein Ticket nach Jianshui. Die Stadt liegt auf halbem Wege nach Xinje, der zentrale Ort der Reis-Terrassen-Region Yuanyang. Wir setzten uns also am Abend in einen kleinen Bus und fuhren in den Sonnenuntergang hinein nach Süden. In Jianshui kamen wir in der Nacht an und fanden eine leere, ausgestorbene Stadt vor. Unser Hotel wirkte, als hätte es die besten Tage hinter sich (oder wahlweise nie erlebt), aber immerhin gab es warm Wasser. Wir unternahmen noch einen kleinen nächtlichen Spaziergang durch die Altstadt von Jianshui, die wirklich den Eindruck machte, als sei sie ein hübsches, altes chinesisches Städtchen, nur leider war alles geschlossen und dunkel, die Strassenbeleuchtung streckenweise gar nicht existent – und so fanden wir bald den Weg ins Bett. Zwar überlegten wir kurz, einen Tag in Jianshui zu verbringen, verwarfen die Idee aber recht schnell wieder und entschieden, unser Geisterhotel so früh wie möglich zu verlassen und einen der ersten Busse zu den Reisterrassen zu bekommen. Um sechs Uhr schrillte dann der Wecker und wir packten eilends unsere kleinen Rucksäcke und verschwanden durch die noch nächtlichen Strassen zum Busbahnhof. Auf dem Weg versuchten wir an zahlreichen Geldautomaten noch ein wenig Bares zu ziehen, weil unsere Vorräte auf anderthalb Tage Biofarm um die Ecke von Kunming ausgelegt waren, scheiterten aber viele Male. Letztlich fanden wir doch einen ATM, der zumindest mir Geld auszahlte und wir sprangen in den Sieben-Uhr-Bus nach Xinjie. Dachten wir zumindest. Denn unser Ticket hatten dorthin gebucht. Allerdings endete die Reise für uns in Nasha – rund zwei Stunden vor Xinjie unten im Tal. Wir waren mal wieder nur halb informiert worden und man sagte uns, dass wir dort einen anderen Bus nehmen müssten. Also taten wir das und zuckelten mit einem viel zu kleinen Minibus (die sind hier noch zehn Mal kleiner als in Südamerika die Micros) die Serpentinen hinauf nach Xinjie.

Chinesen im Auto – Au weia, ein Unfall!

Unser Fahrer wusste vielleicht, wo Gas und Bremse waren, aber man kann leider mit Fug und Recht behaupten, dass vorausschauendes Fahren keine Stärke von chinesischen Autofahrern ist. Überholt wird an allen möglichen Stellen, dabei wird der Überholte gern am Ende des Vorgangs abrupt geschnitten und Kurven werden grundsätzlich in der Mitte genommen. Da das alle so machen, ist das Mitfahren zuweilen recht abenteuerlich und der Fakt, dass man in einem Minibus sitzt, der ausschaut wie ein Kastenbrot auf Rädern (deshalb auch Brotauto hier genannt wird) in dem Anschnaller und andere Sicherheitsaccessoires schlicht nicht vorhanden sind – macht es nicht besser. Und so dauerte es nicht lange und wir hatten einen Unfall. Überraschenderweise war unser Fahrer gar nicht direkt schuld – aber es hätte ihm genauso gut passieren können. Ein anderes Kastenbrotauto mit Passagieren an Bord hatte uns mal wieder an einer unmöglichen Stelle überholt, den Gegenverkehr zu spät in die Überholrechnung einbezogen und uns einfach geschnitten – diesmal allerdings so scharf, dass sein Heck noch unseren Fahrerspiegel abriss, es einen lauten Knall gab und weiterdüste. Unser ohnehin schon dauerhaft missmutig dreinschauende Fahrer wollte das aber nicht akzeptieren. Er machte, was Chinesen im Auto in jeder Situation zunächst erst Mal tun: Den Knopf für die Hupe unnachgiebig bearbeiten. Er gab Gas, die Finger noch immer fest auf die Hupe gepresst und nahm die Verfolgung auf. An der nächsten Kurve bemerkte der andere Brot(auto)fahrer, dass das Gehupe ihm galt und fuhr zur Seite. Zunächst entstand ein wildes Wortgefecht. Unser Fahrer wirkte sehr verärgert und knapp davor, zuzuschlagen, während der andere Fahrer ruhig blieb und meinte, unser Brotauto hätte halt weiter rechts fahren sollen, dann hätten wir den Spiegel noch und den ganzen Schlamassel nicht. Die beiden zankten und wir harrten der Dinge. Beide Kleinbusse waren in einer unübersichtlichen Linkskurve stehen geblieben, die Fahrer stritten auf der Strassen und der weitere Verkehr versuchte sich unfallfrei an uns vorbeizumanövrieren – was angesichts der Tatsache unserer nicht markierten Unfallstelle und dem Fahrstil der anderen Verkehrsteilnehmer an ein kleines Wunder grenzte, dass es nicht noch einen schlimmeren Folgeunfall gab. Nach einer halben Stunde Gestreite, Gegaffe und Telefonieren, wildem Hupen und knappen Unfällen unter vorbei schlängelnden Autos wechselten 160 Yuan den Besitzer, unser Fahrer riss die Reste des Spiegels vom Bus und schmiss sie in die Botanik und wir fuhren weiter. Am Fahrstil hatte sich nichts geändert und so waren wir erleichtert, als wir endlich Xinjie einrollten und unseren Brotkasten verlassen durften.

Ankunft in Xinjie – und gleich in den wunderschönen Terrassen

Xinjie, mal abgesehen von seiner wunderschönen Lage hoch über fruchtbaren Tälern und Reisterrassen, ist ein schmutziges Busbahnhofstädtchen mit einem wilden Markt, Gestank, und remodellierten Häusern, die Touristen den Eindruck vermitteln sollen, wie modern die auf alt gemachten Häuser aussehen können. Wir blieben nicht lang und suchten uns das nächste Brotauto, dass uns eine Stunde weiter noch tiefer in die Reisterrassen brachte – nach Duo Yi Shu. Dort endlich war man wirklich auf einem kleinen, süßen Bergdorf angekommen, dass oberhalb von unendlich scheinenden Reisterrassen gelegen in der Sonne malerisch am Hang lag. Auch hier waren die Häuser vermutlich in einer tourismusfördernden Aktion allesamt modernisiert worden, die sicher vormals schlammigen Wege betoniert und Papierkörbe mit getrennten Mülleimern aufgestellt worden – aber es wirkte friedlich, niedlich, ländlich – schlicht: wunderschön.
Wir mieteten uns ins Sunny Guesthouse ein, einem kleinen Hostel am unteren Ende des Dörfchens und begannen unsere Erkundungsspaziergänge auf den brüchigen Rändern der Reisterrassen. Das Wetter mild, die warme Nachmittags/Abendsonne im Rücken genossen wir die Aussicht auf Berge, Wasser und noch mehr Reisterrassen. Nebenher versuchten wir auf den schmalen Wegen das Gleichgewicht zu halten und nicht selbst IN die Reisfelder zu tapsen, was uns bis zum Schluss gelang. Wir genossen die Ruhe und die Sonne und die wunderschöne Landschaft und genossen einen wunderschönen Sonnenuntergang, der die Reisterrassen in ein wunderschönes Licht tauchte.

Die Nacht war windig und kalt, aber Heizdecken ließen uns mollig warm schlafen. Der Wecker war mal wieder gestellt – auf sieben Uhr, denn den Sonnenaufgang wollten wir uns ebenso wenig entgehen lassen, wie den Sonnenuntergang. Und so genossen wir am Morgen einen wunderschönen morgen und sahen zu, wie sich die Sonne langsam hinter den Bergen nach oben arbeitete und die ersten Sonnenstrahlen die wassergefüllten Felder erneut in ein faszinierendes Farbenmeer tauchten. Nach dem Frühstück spazierten wir wieder quer durch die Terrassenlandschaft. Am Mittag checkten wir aus unserem Hostel aus, warfen uns unsere Rucksäcke über und wanderten über die schmalen Feldränder in Richtung Xinjie. Von dort aus wollten wir am Samstag einen Direktbus nach Kunming nehmen, der uns in rund 7 Stunden nach Hause bringen sollte. Auf unserer Wanderung durch die Reisfelder genossen wir noch einmal die Aussicht und sogen den Blick in uns auf.

Rückkehr nach Kunming

Am Abend waren wir zurück in Xinjie und mieteten uns in ein billiges Hotel direkt am Busbahnhof ein. Wir hatten uns Tickets für den Morgenbus nach Kunming besorgt und verbrachten den Abend spielend in unserem Zimmer. Zuvor hatten wir die unzähligen Bilder auf unseren Kameras angeschaut und uns darüber gefreut, dass wir so etwas beeindruckendes gesehen hatten.

Gestern Morgen hüpften wir dann in den Bus, der uns die Berge runter und nach Norden wieder zurück nach Kunming brachte. Der Bus benötigte für die rund 250 Kilometer rund sieben Stunden, stand immer wieder in unerklärlichen Staus und kam schließlich am späten Nachmittag in Kunming an. Mit einem Engländer, den wir in unserem Guesthouse in Duo Yi Shu kennengelernt hatten, nahmen wir zunächst einen Bus ins Stadtzentrum und teilten uns dann ein Taxi zum Green Lake – die Gegend, in der unser Hotel steht und in der sich auch sein neues Guesthouse befindet.

Wir freuten uns auf die Dusche in unserem Hotel. Und wieder angekommen waren wir froh, neue Kleider anziehen zu können. Schließlich waren wir mit Gepäck für eine Übernachtung losgezogen und hatten unseren Trip sehr spontan vorgenommen. Schon gestern Abend hatten wir festgestellt, dass es sehr sehr ruhig in Kunming geworden ist, und es scheint, als hätte mindestens die Hälfte der über sechs Millionen Einwohner die Stadt verlassen. Wir, wie gesagt, genießen die Ruhe nun hier vor dem großen Geknalle. Gleich werden wir uns zurück ins Hotel begeben, ein wenig Ausruhen noch und dann auf unsere Party gehen, auf der wir eingeladen sind.

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