Alltag in Chennai und ab an den Strand.

Vier Tage bin ich nun in Chennai und versuche mich so langsam an Hitze, stickige Luft, Abgase und zugemüllte Gassen und Strassen zu gewöhnen. Alles in allem fällt das nicht schwer, denn in anderen Ländern der Erde, die ich bislang gesehen habe, sah es manchmal auch nicht anders aus.

Strassenszene

Nur die Flüsse oder Lachen (trifft es wohl besser), die durch Städte in Entwicklungsländern fließen, an diese vermüllten und übelriechendenRinnsale werde ich mich nie gewöhnen können – und wollen!

Es ist mir immer wieder schier unbegreiflich, wie in Ländern, die in der IT-Branche und im Techniksektor in den ersten Reihen stehen, wie es denen unmöglich zu sein scheint, die Verschmutzung ihrer Gewässer wenigstens um die Hälfte zu reduzieren. Was immer noch weit vom Erträglichen in europäischen Augen (und Nase) entfernt wäre. Unmöglich scheint das – dabei denke ich, dass viel voran gehen könnte, entwicklungstechnisch, wenn ein Land seine Müllproblematik zum einen erkennen und schließlich wirksam bekämpfen würde. Und dabei denke ich nicht nur an positive gesundheitliche Folgen.

Zugemüllte Gewässer - daneben hausen die Ärmsten

Nun gut, der Müll ist in Chennai eine augenscheinliche Problematik und ich würde sagen, es ist das, was mir als Europäer am stärksten ins Auge fällt – und wohlgemerkt ist dies nicht mein erstes bereistes Entwicklungsland. Hier in Indien fällt mir nur zusätzlich als Paradoxon auf, dass die so heiligen Kühe, die allerorten durch die Straßen streunen, dem Verkehr besondere Pirouetten abverlangen und im Tempel als Segensspender ihren Kopf hinhalten müssen, dass diese vergötterten Kreaturen sich vom Müll, von Resten an Straßenrändern und in müffligen Ecken ernähren, Essbares, Verfaultes und ungenießbares fressen. Weit entfernt von einer göttlichen Ernährung.

Die letzten beiden Tage hat Hanna noch für weitere Interviews genutzt. Sie war morgens mit einer neuen Forschungsassistentin in Mittelschichtsviertel etwas weiter draußen gefahren und ich war währenddessen ein wenig durch die Straßen gestritten.

Vorgestern hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, für Hanna einen Ordner mit Adressen zu kopieren. Rund 150 Seiten mussten vervielfältigt werden – keine leichte Aufgabe. Am Vormittag war ich das erste Mal in das Gewimmel der Gassen gegangen und hatte Ausschau nach kleinen Shops mit einem XEROX-Schild gehalten. Daran erkennt man hier einen indischen Copyshop. Die ersten beiden waren mir mit 1,50 Rupies (INR) pro Kopie ein wenig zu teuer. Also fand ich endlich einen, der die Kopie für 1 INR abziehen wollte. Der Großteil meiner Dokumente war doppelseitig, was den indischen Kopiemann vor ein langerwieriges Problem stellte. Zwar befindet sich in jedem dieser Copyshops ein Kopiergerät, wie es bei uns in Büros oder an der Uni üblich ist, mit automatisiertem Einzugsschacht und der Funktion, den Kopierer dafür zu sorgen, dass zwei Seiten auf eine Seitenl gebannt werden, dennoch scheint es keinen zu geben, der mit solcherlei arbeitserleichternden und zeitsparenden Funkfionen vertraut scheint. Der Kopiermann nahm also Seite für Seite, klappte den Deckel auf, zog eine Kopie von der Vorderseite, drehte die Seite und zog eine Kopie von der Rückseite. Bei rund 90 Kopien gab sein Gerät auf – erst kräftiger Papierstau, dann Totalausfall. Mit gut der Hälfte der Kopien machte ich mich die nächste Stunde auf die Suche nach einem anderen Copyshop. Die einen hatten viel zu tun, die anderen wollten nicht, wieder andere hatten geschlossen und schließlich machte mir der mehrstündige Power Cut (ist in Indien üblich, weil nicht genug Strom vorhanden ist) einen Strich durch die Rechnung. Ich ging also nach Haus und versuchte es am Nachmittag erneut.

Dabei traf ich auf einen Kopiermann, der nicht nur anfing, jede Seite einzeln zu drehen, sondern nach jeder ausgedruckten Seite, diese auch noch behutsam in einen Papierzufuhrschacht sorgsam einzulegen, um so beidseitige Drucke zu erzielen. Ich sah meinen Indienaufenthalt zu einem einzigen Copyshop-Aufenthalt zu mutieren und brach die Aktion nach 5 Seiten und insgesamt 15 Min ab, erklärte ihm, dass das leider zu lange dauerte und ich nach einem Copyshop suchen werde, der wenigstens den beidseitigen Druck automatisiert hinbekommt. Er holte Hilfe und ein anderer Inder erklärte ihm glücklicherweise, dass auch sein Kopiergerät über diesen Automatismus verfügt. Wir kamen also doch noch schneller voran, bis nach einer weiteren Stunde der erneute Power Cut dem Kopieren 20 Seiten vor Schluss ein jähes Ende setzte. Ich wurde einmal behaupten, dass der Kopiermann ganz glücklich war, dass der cut ihn von dieser endlos scheinenden Kopieraufgabe befreite. 😉

Abends machte ich dann die letzten 25 Kopien und war froh, dass ich einen Tag Zeit dafür hatte und sich nicht Hanna noch nebenbei damit hatte rumschlagen müssen.

Gestern hatte ich mir dann zur Tagesaufgabe gemacht, eine Datenfähige SIM-Karte zu besorgen – und diese Aufgabe war dann auch – um das hier ein wenig abzukürzen, binnen 12 Stunden erledigt und ich konnte am Abend nach einer Investition von 480 INR (~7 EUR) mein Smartphone wie zu Hause nutzen. So schreib ich sogar inzwischen diesen Blogartikel auf diesem kleinen Gerät, da Hanna am Rechner auch noch Sachen für ihre Arbeit erledigen muss.

Zugfahren in Chennai

Gestern Nachmittag hatten wir dann in Mylapore den Kapalishvara-Tempel angesehen. Dazu waren wir ein paar Stationen mit der „S-Bahn“ gen Süden gefahren, immer entlang eines dieser oben beschriebenen Flüsse, die obendrein häufig an ihren „Ufern“ die ärmsten der Armen in einfachen Hütten beherbergen. Am Tempel selbst war offenkundig ein hoher Feiertag, Gewühl und Gedränge allerorten, Gesänge und Rauchschwaden zogen durch das Gelände. Ein alter Mann hatte mich mit Asche gesegnet während ich fotografierte, und uns anschliessend einen Tempelrundgang mit ihm – ja sagen wir – sehr nachdrücklich empfohlen. Eine Wahl hatte er uns kaum gelassen und am ende wollte er unverschämt viel Geld. Er musste sich mit einer Spende weit unter seiner Forderung begnügen.

Durch das Gedränge des Viertel bahnten wir uns den Weg durchs Viertel zum Bahnhof zurück und sprangen in die nächste überfüllte Bahn in unsere Richtung. Auf dem Markt hatten wir Tomaten, Zwiebeln, Möhren, Koriander, Mangos und Orangen gekauft, und in unseren Straßen dann noch ein Omlette und Chapati besorgt, damit wir das Abendessen zu Hause bestreiten konnten.

TempelbesucherHeute haben wir ausgeschlafen, Hanna hat gerade noch Dinge aufgeschrieben und so langsam packen wir zusammen und werden, wenn die Mittagshitze vorbei ist, mit dem Bus nach Süden fahren. Zwei Tage raus aus der Stadt und rein in den Urlaub stehen an. Hanna hat es sich verdient, und ich hoffe, dass ich außerhalb von Smog und Abgasen endlich wieder meine Klimaanlagen geschädigte Stimme zurück bekomme.

Alle Fotos sind wie immer: (c) 2013 Jakob Müller – so nicht anders gekennzeichnet. Bei Verwendungsinteresse bitte beim Autor melden.

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