Projekt: indische Bahntickets kaufen

(Chennai/ Madras) Es ist kurz nach zwölf, als ich mich auf den Weg mache. Ich will von Triplicane zur Egmore Station – Google Maps verriet mir, dass das gut 3 km wären – also beschloss ich, mich nicht mit dem „Bussystem“ rumzuärgern, sondern kurzerhand zu Fuß zu einem der Hauptbahnhöfe zu laufen. Mein Ziel: Zwei Tickets für den Nachtzug von Chennai nach Madurei, für Samstag, am besten im Sleeper.

Zugegeben, ich hätte mir eine bessere Tageszeit für meinen Abenteuer-Spaziergang durch die immerzu überfüllten Strassen Chennais aussuchen können. Eine Zeit, zu der die Sonne nicht im Zenit steht, und erbarmungslos in jede noch so enge, baumlose Gasse reinbruzelt. Kein schattiges Fleckchen nirgendwo. Nur Menschen. Menschen. Hunde. Müll. Autos. Hupende, viele Autos, Rikschas. Ah ja – und die Mopeds und Motorräder, die sich durch die noch so engen Lücken, zwischen Rikschas, Autos und Fußgängern, hupend ihren Weg bahnen…. wahrlich – ein Spaziergang ist etwas anderes. Ich schob mich durch die Massen. Immer zwischen fließendem, hupenden Verkehr und parkenden und parlierenden Indern hindurch – in Richtung Egmore Station.

Fußwege, oder Bürgersteige gibt es zwar in Chennai, allerdings haben sie nicht denselben Zweck, wie bei uns. Hier stapeln sich Menschen, liegend, schlafend, wohnend, pinkelnd, essend – dazwischen Hunde und Müll, Kot und Essensreste. Ein furchtbares Bild streckenweise und alles andere als eine Einladung, als Fußgänger auf dem Trottoir zu gehen. Also schiebt man sich durch den Verkehr, so wie alle Inder und versucht, dabei weder von vorbeirauschenden Mopeds den Arm abgefahren zu bekommen noch von herannahenden Bussen gänzlich überrollt zu werden.

Nach einer guten halben Stunde durch die brütende Mittagshitze, erfolgreichem Ignorieren unzähliger Rikschafahrer und ihrer „Hey Sir, hey Sir!“-Rufe, hatte ich es geschafft. Dachte ich. Egmore Station lag direkt vor mir. Ein Indo-viktorianischer Bahnhofsbau – würde ich sagen – der doch bei Betreten recht aufgeräumt wirkte – und, was mir in diesem Moment noch wichtiger erschien: Durch die Stahlkonstruktion der Bahnsteige wehte ein frisches Lüftchen – Rettung bei 35 Grad (im Schatten, den es wohlgemerkt nicht gibt).

Ich machte mich auf die Suche nach einer Booking-Office und stellte mich bei den einzigen zwei Schaltern, die ich fand, an. Als ich nach zehn Minuten dran war, erklärte mir der nette indische Fahrkartenverkäufer, dass er keine Reservierungen mache – ich müsse zu Schalter C1. Also suchte ich jenen Schalter und stellte mich hinter anfangs einem Inder an. In den kommenden Minuten drängelten sich immer mehr dazu und vor allem vor mich, so dass ich schon gar keine Chance mehr sah, bis zur Schalterdame zu gelangen. Nach weiteren zehn Minuten tippte mich ein junger Inder von hinten auf die Schulter und fragte mich, wohin ich wollte. Ich erklärte ihm, dass ich zwei Sleeper-Tickets kaufen wollte, für Samstag nach Madurei. Er nahm sich meiner an und erklärte mir zunächst, dass ich (klar!) am falschen Schalter stünde. Ich müsste ins Booking-Center in der ersten Etage. Er war so freundlich und begleitete mich direkt dorthin.

Glücklicherweise sprach er ein gutes, und vor allem verständliches Englisch – eine Seltenheit in Chennai. Zwar sprechen die meisten hier „Englisch“ – es ist aber weit entfernt von dem, was im Westen als Englisch verstanden und wahrgenommen wird. Mit dem eigenen Englisch wird man nahezu nicht verstanden, es sei denn, man beherrscht nach einer Weile eine Form des (ich nenn es mal) broken indish-english, mit harten Konsonanten und einem langgezogenem Eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee am Ende jedes Wortes. Nun – ich beherrsche diesen Dialekt noch nicht so gut, bin also immer noch auf Inder angewiesen, die die western Version des Englischen verstehen.

Im Reservation-Center erklärte mir der freundliche Inder, was ich für ein Application-Form (ja – man muss sich um Tickets bewerben) ausfüllen müsste. Dieses brachte ich dann zu einem vorgeschalteten Ticket-Schalter, der mich darüber aufklärte, dass er keine Tickets für den gewünschten Zug und das Datum überhaupt an ausländische Touristen verkaufen könne. Der Zug sei bei ihm ausgebucht, ich möge es in Chennai Central versuchen – dem ersten HBF, wenn man so will. Ein wenig hitzefertig und stressgepeinigt ließ ich mir vom jungen Inder den Weg dorthin erklären. Er meinte, dass es 3 km seien und ich den Bus nehmen sollte. Ich ging zur nächsten Bushaltestelle, wo der benannte Bus natürlich auch nach einer viertel Stunde noch nicht auftauchte, mindestens aber schon fünfzig Busse vorbeigefahren waren und ich schon wieder zehn Rikscha-Fahrer enttäuscht in die Flucht schlagen musste.

Ich beschloss, die Dinge zu nutzen, die uns der Fortschritt beschert hat, zog mein Windowsphone aus der Tasche und öffnete Google Maps. Zu meiner Freude stellte sich heraus, dass Chennai Central nur anderthalb Kilometer entfernt sei. Also beschloss ich, noch einmal der Zenit-Sonne zu trotzen und machte mich zu Fuß auf den Weg. Den schattenlosen Weg. Selbstverständlich. Zwischenzeitlich dachte ich, dass so eine schattige und zugige Rikscha im chaotischen Verkehr vielleicht doch die bessere Idee gewesen wäre – verwarf den Gedanken aber wieder. An einer Straßenecke kaufte ich eine Literflasche Wasser, die ich zum Großteil sofort leerte – einen kleinen Teil ließ ich auf meinen großen Zeh tropfen, der an der Bushaltestelle zuvor Opfer einer Vogelschiss-Attacke geworden war. Es trennten mich nur noch 500 m von Chennai Central – und ich nahm die letzten Meter in Angriff. Im überfüllten Bahnhofsgebäude suchte ich eine Art Info – und fand einen Customer Care-Schalter, der mir tatsächlich sofort weiterhelfen konnte. Ich musste in ein Nachbargebäude und dort das Foreign Tourist Reservation Centre aufsuchen.

Nun gut, ich machte mich auf die Suche. Angekommen wählte ich zunächst den falschen Fahrstuhl und bekam die ersten zehn schmutzigen Stöcke auf der falschen Seite des großen Gebäudes zu sehen. Auf der anderen Seite dann wartete Erlösung. Ich betrat eine große Schalterhalle in der ersten Etage und erblickte einen kleinen Eingang „Foreign Tourists Only“. Wow – nur für uns, dachte ich, dann kann es nicht so drängelig werden. Und schwups, verschwand ich durch den Eingang. Klimaanlagen kühlten die Räume und zwei Männer hinter ihren Desks winkten mich in den nächsten Raum durch, an dessen Ende eine indische Frau vor einem Computer saß. Vor ihr eine dreisitzige Holzbank, auf der sie mir bedeutete, Platz zu nehmen.

Ich brachte meinen Wunsch vor, legte unsere Reisepässe auf den Tisch, füllte erneut ein Application-Form aus und nach sage und schreibe fünf Minuten hielt ich endlich unsere Traintickets für die Sleeper-Class in der Hand. Ich hatte es schon gar nicht glauben wollen, dass es noch welche gäbe, aber an diesem Counter schien es überhaupt kein Thema zu sein, dass der Zug ausgebucht sei. Ich zahlte meine 530 Rupies (7,54 € für 500 Bahn-km) und freute mich. Ich verstaute alles in meiner Tasche, verließ das Gebäude, besuchte noch ein WC, dass eine Nominierung für „The worlds most disgusting Restrooms“ verdient hätte und bahnte mir den Weg über eine knackevolle 7/8-spurige Strasse, die vor dem Bahnhofsgebäude querte. Auch hier zückte ich wieder den kleinen smarten Helfer aus der Tasche, ließ mir von Google die Buslinien verraten, die mich in die Nähe meines Hostels brächten und saß kurze Zeit später in einem klapprigen Omnibus.

Knapp vier Stunden nach Start erreichte ich wieder unsere verfallen-koloniale Hostelherberge – und ließ mich auf unser Sofa sacken. Ein eiskalter Mangosaft half über die Strapazen hinweg, eine Banane bekämpfte den aufgekommenen Hunger und die Freude über die erfolgreich bekommen Bahntickets überwog.

Spannend, wie solche Dinge in anderen Ländern stets zu Tagesaufgaben werden können.

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