Kleine Knockouts, große Hitze und indische Kontraste.

Es ist Samstag abend, als wir Chennai verlassen wollen. Der Knock-Out hatte in der vergangenen Nacht zugeschlagen und Hanna erwischt. Den ganzen Samstag sah es eher nicht so aus, als würden wir wirklich am Abend in den Nachtzug nach Madurai steigen, Hanna hatte kaum etwas essen können, das Bett war ihr am liebsten und die Hitze machte den Tag auch nicht gerade erträglicher. Am Abend entschieden wir uns dann aber doch, die hart erarbeiteten Zugtickets zu nutzen und ließen uns gegen acht mit einer Rikscha an die Egmore Station bringen.

Straßenszene in Madurai am frühen Morgen

Morgens um 6 auf den Strassen Madurais

Wir hatten einen Liegewagen gebucht, der durchaus als einfach zu bezeichnen war. Sechs, mit blauem Leder bezogene Klappliegen in einem offenen Abteil, darüber drei riesige staubige Industrieventilatoren, die die stickige Luft durchquirlen sollten, gegenüber zwei weitere Liegen übereinander. Alles in blau gehalten, und begleitet von einem Geruch, wie er mir zuletzt in hochsommerlichen Reichsbahnzügen begegnet war, gepaart mit indischem Essen und dem üblichen Abgas-Smog Chennais, der noch durch die „Fenster“ hereinzog – also durch die vergitterten Löcher, die man als Fenster in die Waggons gefräst hatte. Ein indisches Ehepaar teilte sich mit uns das Abteil, über mir ruhte bereits ein junger Inder und ihm gegenüber zog später noch eine junge Inderin gemeinsam mit ihrem Smartphone ein. Das Ehepaar uns gegenüber begann, kaum im „Abteil“ angekommen, auch gleich den großen Reiseschmaus – Unmengen an Reis wurden mit den Händen mit Soße vermengt und hungrig verschlungen, danach folgte noch eine Familienportion indisches Brot für jeden.

Es ist für uns schier unglaublich, wie viel Inder an Essen „vernichten“ können – es ist wohl nahezu das Wichtigste, was es für sie gibt, und Hanna hat mir nicht selten erzählt, dass sie in Gegenwart von Indern stets das Gefühl hat, gemästet zu werden, weil sie einem Essen auch dann aufdrängen, wenn man bereits zehn mal freundlich und dankend abgelehnt hat (Dabei erinnert das Angebot im Vortrag nicht selten mehr an einen Befehl, als an ein freiwilliges gut gemeintes Angebot – aber über die Absenz von Höflichkeit und ihren Floskeln im indischen Englisch müsste ich eigentlich einen eigenen Blogartikel verfassen.). Das beobachten wir immer wieder bei Eltern und ihren Kindern auf der Reise. Wir waren also gar nicht so böse, als der Reiseschmaus vorüber war, die Reste samt Plastikbeutel ihren Weg aus dem fahrenden Zug fanden und das Essen auch bei den mitreisenden Passagieren langsam eingestellt wurde.

Der Zug ratterte durch die indische Nacht, die Industrie-Luftwirbulatoren an der Decke und der Fahrtwind, der durch die Gitterfenster drang, sorgten für ein erträgliches Klima und wir verbrachten die Fahrt doch fast vollständig schlafend. Noch vor Sonnenaufgang rollten wir in Madurai ein, der Morgen dämmerte bereits und die Luft war bereits 32 Grad warm. Kühler sollte es hier einfach nicht werden.

Wir schlenderten durch die noch weitgehend ruhigen, aber dafür vermüllten Strassen der alten Pilgerstadt und machten uns auf die Suche nach einem Hotel. Die ersten Teestände hatten bereits geöffnet, hier und da wurde noch auf dem Trottoir geschlafen, das galt für erschöpfte Strassenhunde gleichermaßen wie für die Ärmsten der Armen, die ebenso den Bürgersteig als Zuhause nutzen müssen. Bald kamen die ersten Sonnenstrahlen heraus, und die Hitze begann, ungemütlich zu werden. Gegen 8:30 waren wir bei der dritten Herberge gelandet und wir checkten ein. Die Hitze war bereits unerträglich, der Real Feel zeigte bereits über 40 Grad im Schatten und die schmutzige Luft stand. Kein Lüftchen, nirgends. Nur Rikschaabgase und Qualm von hier und da verbrennendem Müll am Strassenrand.

Madurai ist, im Gegensatz zu Chennai, ein Kleinstädtchen. „Nur“ gut eine Million Inder leben hier, die Altstadt und das Zentrum der Stadt gruppieren sich rund um die große Sehenswürdigkeit, die die Stadt so berühmt macht – den Meenakshi-Tempel. Es ist die größte von Menschenhand erbaute Tempelanlage in Südindien und ihre vier Türme, die jeweils die Eingänge in jeder Himmelsrichtung markieren, sind bunt verziert mit unzähligen mythologischen Figuren und überragen die gesamte Stadt. Das Zentrum gehört leider nicht zu den Schmuckstücken, nur direkt um den Tempel ist es sauber, es gibt Bäume und ein wenig Schatten. Am Tag schieben sich rund 15.000 Hindus durch die Anlage, an kleineren Feiertagen 20.000 und an höheren…. Nicht auszudenken.

Wir hatten uns nach dem Checkin im Hostel bis halb neun bei knapp 40 Grad eigentlich schon wieder genug bewegt, aber wir entschieden uns für ein Frühstück auf einem der Rooftop-Hotels in der Nähe. Bei Kaffee und unglaublicher Hitze genossen wir den Blick über die Stadt und die beeindruckende Tempelanlage. Den restlichen Vormittag und frühen Nachmittag begnügten wir uns mit einer Umrundung der Anlage und zogen uns, aufgrund der unerträglichen Temperaturen ins Hotel zurück.

Am späten Nachmittag, als die stehende Luft langsam auf 37 Grad herunter kühlte, entschieden wir uns, wieder rauszugehen, einen Fruchtsaft zu trinken, was zu essen und später noch etwas anzusehen. Doch der Fruchtsaft brachte jetzt mir den Knock-Out vorbei. Zwar schafften wir es noch bis zu einem Restaurant, aber während Hanna noch nicht wieder richtig Appetit hatte, hatte sich meiner gerade mit dem Fruchtsaft verabschiedet. Wir gingen unverrichteter Dinge nach Hause und es folgte eine unangenehme Nacht für mich.

Den Plan, die Tempelanlage morgens um sechs zu besuchen konnte ich direkt streichen, denn meine Kraftreserven hatte ich bereits mit dem Gang zur Toilette aufgebraucht. Das war ärgerlich, aber machen konnten wir auch nichts. Also verbrachte ich den Tag schlafend, schwitzend und auf Besserung hoffend im Bett. Eine kühle Cola (das sind die Momente, an denen ich ganz dankbar bin, dass es überall auf der Welt Coca Cola gibt) und ein paar Bananen und zwei Schokoriegel brachten uns über den Tag. Hanna war auch noch nicht wieder das sprühende Leben und ruhte auch viel. Wir mussten unseren Plan ändern, denn eigentlich wollten wir am nächsten frühen Morgen die Stadt verlassen – ohne den Tempel von Innen gesehen zu haben, wäre dies aber mehr als ärgerlich gewesen. Also sagte der neue Plan, am Abend zu versuchen, Bahntickets zu bekommen, um erst am folgenden Mittag nach Norden wieder zu reisen. Wir schafften das binnen drei Stunden erfolgreich und gingen früh und ermattet von diesem Ausflug zu Bett.

Gestern Morgen dann schafften wir es, mit zwei Bananen gestärkt, um kurz vor sechs zum Tempel zu ziehen. Man sollte das tatsächlich auch nicht später machen, zum Einen wird die Luft unerträglich, zum anderen tragen die Pilgermassen auch nicht zum entspannten Bummel durch die weitläufige, Jahrhunderte alte Anlage bei. Wir striffen also mit den ersten Sonnenstrahlen und Pilgern durch die steinernen Säulenhallen, die mit bunten Mandalas verzierte Decken hatten. Hier war das Klima angenehm und fast noch als kühl zu bezeichnen. Der ein oder andere Schrein blieb uns verborgen, da sie nur für Hindus zugänglich waren, aber wir hatten genug gesehen, um ausreichend beeindruckt zu sein. Kurz nach acht waren wir zurück im Hotel, packten unsere Sachen zusammen und nahmen beim nächsten Hotel im Schatten ein Frühstück ein. Unsere Magen erlaubten es uns bereits wieder, gemeinsam ein Frühstück zu teilen und mit so etwas wie Appetit zu essen.

In der Hitze des Vormittags kamen wir zum Bahnhof und bestiegen dort den Zug nach Villupuram, von woaus wir in das ehemalige französische Städtchen Pondycherry am Meer weiterzufahren gedachten. Die sieben Stunden tagsüber im stickigen Sleeper erwiesen sich erneut nicht annähernd so komfortabel, wie eine Bahnfahrt im Hochsommer mit einem klimaanlagengeschädigtem ICE. Aber der Fahrtwind war nicht zu verachten. Am Abend erreichten wie in Villupuram noch rennend den letzten Zug nach Pondy und mit der untergehenden Sonne kamen wir im Paradies an. Zumindest erschien es uns zunächst so.

Es ging uns beiden bereits wieder deutlich besser und die abendliche Meeresbrise, die uns schon im letzten Zug begrüßte, war der reinste Balsam nach einem völlig überhitzten Madurai. Hinzu kam, Pondy ist für indische Verhältnisse eine wahre Augenweide – man könnte glatt glauben, man sei kurzzeitig aus Indien herausgepurzelt, hinein in aufgeräumte, bunte und baumgesäumte Strassen einer kolonialen französischen Stadt. Nur die rufenden Rikschafahrer am Bahnhof erinnerten uns sofort, dass wir doch noch in Indien waren.

Wir bezogen ein hübsches französisches Hostel, und gingen, denn darauf hatten sich unsere Magen tatsächlich gefreut, europäisch essen. Mit Lust und Appetit.
Heute haben wir dann mit Ausschlafen die letzten bösen Gesundheitsgeister vertrieben, haben bis zur Mittagshitze einen Spaziergang durch dieses kolossal koloniale Freilichtmuseum unternommen, und warten nun darauf, dass der Nachmittag wieder Abkühlung vom Meer bringt und wir ein wenig weiterschlendern können. Es ist wunderschön hier und nach all dem Müll, dem Chaos und der dicken, heißen Luft der Großstädte tatsächlich Urlaub für den Kopf. Das hatten wir gesucht und zuletzt auch wirklich gebraucht. Morgen geht es dann abends wahrscheinlich wieder noch ein wenig näher an Chennai heran, denn hier ist zwar Meer, aber Strände sind rar. Und Schwimmen ist bei dieser Hitze wohl das einzige, das manchmal hilft. In diesem Sinne…. bis zum nächsten!

Gebloggt von meinem Windows Phone.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: