Chinesischer Massentourismus – muss man nicht haben.

Der Jetlag ist auf dem Weg zu verschwinden und wir sind wieder in Deutschland gelandet. Auf dem Flug hab ich noch was über unsere letzten Tage geschrieben. Und wer sich über den letzten Artikel ein wenig gewundert hat: Richtig, der Autor war nicht ich, sondern Hanna.

Wir sitzen am Flughafen, haben das Gepäck aufgegeben und warten eigentlich nur auf unseren Abflug nach Guangzhou (Kanton). Wir starten, ähnlich wie auf dem Hinweg, zunächst erstmal in die falsche Richtung. Um acht Uhr soll der Flieger gehen, gegen Mitternnacht geht es dann von Guangzhou weiter nach Paris. Angenehme Flugzeiten. Und weil hier in Kunming noch ein wenig Zeit ist, kann der Laptop noch mal an die frische Luft und ich nutze die Zeit für einen kleinen Artikel.

Nach Chinesisch Neujahr ist es für uns sehr ruhig zu Ende gegangen hier. Nach dem Geböller und Gekrache gemeinsam mit den anderen Ausländern, die wir hier kennengelernt haben, haben wir uns am Tag darauf einen ganz chilligen Tag gegönnt. Ein bisschen so, wie man es bei uns an Neujahr macht. Am Dienstag hatten wir bereits angefangen, unsere letzten Besorgungen zu machen, Mitbringsel zu kaufen und nun doch noch einmal endlich in den Tempel hinter unserem Hotel zu gehen.

Am Abend waren wir auf den Geburtstag von Sandra eingeladen und durften dort einmal schauen gehen, wie Ausländer hier in Kunming so leben. Sandra hatte uns noch in der Nacht von Chinesisch Neujahr eingeladen – und wir hatten uns sehr darüber und natürlich auch darauf gefreut. Schon das Neujahrsfest mit all den anderen Ausländern, die hier in Kunming schon seit geraumer Zeit leben war spannend, vor allem, weil sie uns von ihren chinesischen Erfahrungen berichten konnten und wir sie auch Dinge fragen konnten, die sonst eher schwer zu erfahren sind. So war schon an Chinesisch Neujahr Chris dabei, der DIE Website für Ausländer in Yunnan (Oder ganz Südwestchina, wie er selbst meint) ins Leben gerufen hat und (noch) betreibt. Er selbst lebt seit 2000 hier in China, hat aber schon 1998 das Reich der Mitte das erste Mal besucht, spricht fließend Chinesisch und hat einen bombastischen Erfahrungsschatz hier in Yunnan. Gerade ist er dabei, seine Website zu verkaufen und versucht, ein neues Team zu schulen, weil er Kunming nun langsam verlassen will und nach neuen Projekten Ausschau hält.

Chris war also auch zu Sandras Geburtstag gekommen, Matt, ein weiterer Amerikaner, der in einem Aufklärungsprojekt für Homosexuelle in Kunming arbeitet, und Adrian, ein Schweizer, der in Kunming ein Reisebüro betreibt, um nur ein paar zu nennen. Es gab köstliches Käsefondue; wie immer bei Sandra leckeren Wein und wir quatschten und genossen die Zeit in Sandra und Pierres 270 Quadratmeter-Appartment. Maisonette selbstverständlich. Für einen Preis, den ich in Bonn für mein WG-Zimmer bezahle. Okay, sie sagte, dass sie das Appartment wirklich günstig bekommen hätten, denn normalerweise müsste man rund das Doppelte berappen – aber selbst dies wäre noch ein traumhafter Mietpreis angesichts Größe und Aufteilung der Wohnung.

Gegen Mitternacht wechslten Hanna, Sandra, Chris und ich in das kleine Irish Pub zwei Blöcke weiter, in dem wir schon zu Chinesisch Neujahr den letzten Absacker getrunken hatten. Diesmal hatten wir einen Anlass – Adrian, der franzöische Betreiber des Pubs, hatte Geburtstag und wir wollten gemeinsam mit ihm Anstoßen gehen. Er freute sich auch über die Gesellschaft und so tranken wir dort noch das ein oder andere Gläschen und verabschiedeten uns bald, weil wir noch für Mittwoch einen Tagesausflug geplant hatten.

Genauer gesagt hatte ich (ich muss das jetzt auch mal auf meine Kappe nehmen) von Shilin gelesen und bei Flickr ein paar beeindruckende Fotos vom Stone Forest gesehen. Der Stone Forest gilt als eine DER Attraktionen in der Nähe von Kunming – und den wollte ich mir hinten raus nicht entgehen lassen.

Also machten wir uns am Mittwoch Morgen auf den Weg und fuhren mit dem Bus zur Eastern Bus Station, um dort einen weiteren kleinen Bus zu nehmen, der uns die 65 Kilometer nach Süden zum Steinwald bringen sollte. Das Wetter war ausgesprochen unfreundlich, und ich glaube, dass wir kaum einen Tag in Kunming hatten, der kälter, feuchter und unfreundlicher daher kam, als jener Mittwoch, an dem wir uns vorgenommen hatten, durch den Steinwald zu spazieren. Okay, ich hatte schon vorher gelesen, dass es dort „packed with chinese tourists“ sein sollte, aber was man schließlich aus dieser landschaftlichen Schönheit gemacht hatte, um touristisch den letzten Kuai (Yuan) den Leuten aus der Tasche zu ziehen, das sprengte meine Vorstellungskraft. Der Bus warf uns an einem nigelnagelneuem Tourist Reception Center and Bus Station raus, die umgeben war von riesengroßen Parkplätzen. Selbstverständlich standen ähnlich viele Wagen da und uns schwante bereits nichts Gutes. Zu Fuß (und frierend!) machten wir uns auf den Weg, in der unübersichtlichen Parkplatzwelt einen Eingang, bzw. einen Ticketschalter zu finden. Ein ganzes Stück weiter wurden wir fündig, wo wir 175 Kuai für den Eintritt abdrücken mussten. Zur Erinnerung: 1 EUR = 8 Yuan. Wir zahlten also den (uns zwar bekannten aber dennoch hoch erscheinenden) Preis und machten uns erneut auf die Such nach dem Eingang. Von dem war aber weit und breit keine Spur. Ringsherum nur Parkplätze. Zwei große zweispurige Straßen, die frisch asphaltiert waren, schlugen sich in Schneisen durch das Gelände und wir erblickten elektronische Kleinvehikel, ähnlich denen auf einem Golfplatz, die bepackt mit zahllosen chinesischen Touristen eine der Strassen entlang fuhren und hinter einer Kurve verschwanden. Wir nahmen also an, dass das Gelände so weiträumig sei, dass wir uns wohl jetzt in so einen Wagen setzen müssten und zum Eingang führen. Als wir allerdings an den Wagen waren, teilte man uns mit, dass wir dafür ein weiteres Ticket für 25 Kuai benötigten. Klar – wer kann schon davon aufgehen, dass man einfach so in ein Shuttle steigen kann, wenn man gerade lediglich gut 24 EUR an Eintritt abgedrückt hat. Da KANN das Shuttle ja gar nicht inklusive sein. Unsere Laune sank tiefer – zugegeben, dass Wetter hatte einen Anteil daran, die zahllosen chinesischen Touristen, die uns anstarrten und sich wahlweise ungeniert vor uns stellten und uns fotografierten, hatten einen ziemlich großen Anteil daran und die Anlage an sich den allergrößten. Falls als jemand noch fragen sollte: NEIN,  SHILIN empfehle ich nicht!!! Aber weiter. Die Dame an den Elektroshuttles meinte, der Eingang sei 3 Kilometer weg und man müsse die Shuttles nehmen. Wir glaubten ihr nicht, weil wir bereits zahlreiche Erfahrungen mit Auskünften im Reich der Mitte gesammelt hatten. Wir folgten also den Shuttles und versuchten uns zu Fuß. Nach 20 Minuten erreichten wir schließlich auch den Eingang und dort erwarteten uns noch mehr Touristen. Die Elektroshuttles spuckten die zahllosen chinesischen Touristen aus und diese drängelten sich eine schmale Straße entlang in Richtung Haupteingang Stone Forest. Wir folgten den Massen und ich muss hier nicht erwähnen, dass wir nicht begeistert waren. Am Haupteingang angekommen lernten wir, dass der Stone Forest sogar UNESCO Welterbe ist – in meinen Augen sollte die UNESCO ihre Entscheidung schleunigst überdenken, angesichts dessen, was man mit diesem schönen Fleckchen Erde anstellt.

Gemeinsam mit tausenden Anderen drängten wir auf das Gelände, dass wie ein Vergnügungspark ausgebaut war. Durch die bizarre Landschaft der Steinsäulen und Nadeln, die in verrückten Formationen allenthalben herumstanden, hatte man Straßen gezogen, damit weitere Elektrocars lauffaule Chinesen durch den Stone Forest karren konnten. Damit alles noch schöner wird, hatte man auch künstliche Seen angelegt und an ihr Ende künstliche Pagoden gesetzt – die Chinesen freute, uns graute es. Wir hatten gelesen, dass es weiter hinten noch immer ruhige Ecken im Stone Forest geben sollte und man abseits der Hauptwege ein wirklich tolles Naturerlebnis haben könnte – wir suchten, fanden nur wenig und machten uns alsbald wieder auf den Weg nach draußen. Hanna hatte schon zuvor erwartet, dass es sich bei Shilin um chinesischen Massentourismus handeln würde, ich hoffte darauf, dass sie Unrecht haben würde, aber ich wurde eines Besseren belehrt. Mit einer Erfahrung reicher traten wir mehr den Rückzug, denn den Rückweg an. Einen kleinen Erfolg verbuchten wir noch, als wir für die Rückfahrt auf eines der Shuttle kamen, das uns zum Busbahnhof brachte. Es war nicht richtig gemogelt – aber ein wenig schon. Denn spannenderweise konnte man den Stone Forest nur durch einen schmalen Gang verlassen. Zuvor hatte offenkundig jemand unsere Shuttle-Tickets kontrollieren wollen, aber wir hatten uns am Ausgang nicht aufhalten lassen wollen und waren einfach durchgegangen. Der nächste Schritt war aber, von weiteren uniformierten Chinesen auf eines der Shuttle gesetzt zu werden – und wir scherten uns nicht mehr darum, dass wir nicht gezahlt hatten – nein, es war unsere kleine Rache.

Am Busbahnhof schnappten wir uns den nächsten Bus nach Kunming, wurden aus diesem aber wieder rausgeworfen, weil wir die falsche Nummer auf unseren Tickets hatten und erst mit dem folgenden Bus fahren durften. In Kunming zurück war immerhin die Sonne herausgekommen und wir machten uns auf ins Lost Garden Hostel, um dort mit ein wenig Western Food noch den Tag zu retten.

Heute morgen haben wir einfach nach dem Ausschlafen noch eine heiße Dusche genommen und dann unsere Sachen gepackt. Frühstück gab’s noch einmal im French Café und auf dem Weg zum Hotel probierte ich mich noch an chinesischen Friseuren. Als er zur Schere griff und begann, mir die Haare zu trimmen, merkte ich, dass wir offenkundig ein kleines Verständigungsproblem hatten. Den Abstand zwischen meinen Fingern, den ich zeigte, als ich ihm bedeutete, wieviel er schneiden soll, hatte er wohl als den interpretiert, der auf meinem Kopf bleiben soll. Er hatte auch zwischenzeitlich nicht mehr nachgefragt und so war ich schnipp schnapp schnell den Großteil meiner Haare los.

Etwas unfreiwillig bin ich also schon vom chinesischen Friseur auf Sommerschnitt getrimmt worden. Wir holten unser Gepäck vom Hotel, schnappten uns ein Taxi und fuhren noch ein letztes Mal zum Hump Hostel, in dem wir ganz am Anfang zu Gast waren. Sherly, eine Angestellte des Hostels mit der wir uns ein wenig befreundet hatten, wollte uns noch einmal sehen und so schauten wir auf ein kleines Getränk noch einmal dort vorbei.

Das Wetter bereitete uns heute einen königlichen Abschied. Blauer Himmel und strahlende Sonne liessen uns sogar größtenteils nur im Shirt rumlaufen und wir genossen die Sonne auf der Sonnenterasse des Hump.

Die letzten Zeilen dieses Artikels tippe ich jetzt schon auf dem Flug. Inzwischen sind wir in den Flieger nach Kanton eingestiegen und schweben weiter ostwärts, bevor es dann erst in die „richtige Richtung“ geht.

Alles in allem kann ich schon mal sagen, dass China eine spannende Reise war. Naja, China ist sicherlich übertrieben – Kunming trifft es wohl eher. Wir haben eine handvoll richtig guter Menschen kennengelernt, die Stadt auf’s Intensivste kennengelernt, uns Viertel angesehen, um die der Durchschnittstourist wohl eher einen großen Bogen macht und viel gelernt darüber, wie China und die Chinesen ticken. In vielen Belangen einfach ganz schön anders als wir. Der Bauboom und das Verlangen nach dem Glitzer der Westwelt ist beeindruckend und erschreckend zugleich, wenn man bedenkt, dass das Armenviertel häufig direkt hinter den großen modernen Wolkenkratzern liegt, und alte Bauten bedenkenlos niedergerissen werden. Strukturen unwiederbringlich verloren gehen, weil man momentan der Meinung ist, dass es eigentlich kaum Erhaltenswertes gibt und alles was GROSS, MODERN; GLAS, BETON und NOCH GRÖSSER ist, vor allem eine Shoppingmall ist – das absolute Non-Plus-Ultra. Das ist streckenweise schon ein wenig traurig. Überhaupt ist es schon spektakulär wie sehr sich China in den Bann von Geld ziehen lässt – wie Geld und Status überhaupt das einzige zu sein scheint, dass irgendwie zählt. Stil und Eleganz bleiben dabei häufig (vielleicht noch) auf der Strecke, Zurückhaltung wird nur selten geübt.

Und so freuen wir uns auch jetzt schon wieder auf zu Haus. Auf Deutschland und auf Bonn. Auch einfach deshalb, weil es da so schön ist. 🙂

2 Antworten

  1. Oh mann, das tut mir leid, dass ihr mit dem Steinwald ein so schlechtes Erlebniss hattet. Als ich da war (allerdings nicht zum Neujahrsfest), War es zwar auch voll, aber man konnte sich leicht vom Hauptweg weg in die kleinen Seitengassen flüchten. Das mit dem hinteren Teil des Parks stimmt(e?), wir habens uns köstlich verlaufen und waren ca. 5 Stunden im Steinwald ohne den gleichen Weg zweimal gegangen zu sein.
    Das war vor kanppen 4 Jahren, es scheint sich viel geändert zu haben.

  2. …vermutlich ist das wohl so. Aber ich denke auch, dass wenn man viel Zeit (und vor allem Sonne!!) mitbringt, kann man da schon auch nette Touren laufen… man muss halt nur dieses Chinesischer-Massentourismus-Ding irgendwie erfolgreich ausblenden können… und das stell ich mir recht schwer vor…

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